Breite Rezeption für eine vermeintlich gescheiterte Theologie

31. März 2025 in Kommentar


Es ist ein herbeigeredetes Scheitern der Theologie des Leibes, das die Erfolgsgeschichte verschleiern soll. Der Heilige Papst ist mit seiner Lehre besonders für junge Katholiken sehr relevant und prägend. Der Montagskick von Peter Winnemöller


Rom (kath.net)

Seit der Heilige Papst Johannes Paul II. in den Jahren 1979 bis 1984 seine 133 Mittwochskatechesen zur Theologie des Leibes hielt, erfreut sich dieser außerordentlich innovative Beitrag zur christlichen Anthropologie und zu einer Neuorientierung in der Moraltheologie großer Beliebtheit. Nicht weniger groß ist von anderer Seite die Kritik an dem Opus Magnum des Papstes der Jugend. Tatsächlich sind es besonders junge Katholiken unserer Tage, die sich von der Theologie des Leibes besonders angezogen fühlen. Es ist diese Kongruenz zwischen Person und Leib, die Betonung der Personalität in jeder Situation des Menschen, die in unserer Zeit ein Gegenprogramm zur woken diversen Weltsicht des Relativismus und der Beliebigkeit bietet. Andererseits ist es besonders bei deutschen Moraltheologen geradezu Pflichtprogramm die Theologie des Leibes zu verwerfen. In das Konzept des Synodalen Weges mit seiner Idee der völligen Dekonstruktion der katholischen Moral passt so etwas erst recht nicht. So verwundert es nicht, wenn der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz die Theologie des Leibes als einen gescheiterten Versuch wertet. In zwei Debattenartikeln widmet sich die Herder Korrespondenz der Theologie des Leibes. Stephan Goertz veröffentlichte hier einen Totalverriss, Johannes Brantl verteidigt die Theologie des Leibes als „eine wichtige prophetische Vision“.

In der Sexualität, so Goertz, begegneten sich Körper, nicht Personen. Die Theologie des Leibes bezeichnet Goertz als „eine exkludierende Theologie des heterosexuellen, zu Ehe und Familie berufenen Leibes“. Da schwingt, man merkt es unmittelbar, die postmoderne antikatholische Kritik an der heteronormativen Bipolarität des Menschen mit. Dass diese inzwischen tief in die katholische Theologie an den staatlichen Hochschulen eingedrungen ist, dürfte ein offenes Geheimnis sein. Goertz gehört zur Fraktion der Moraltheologen, die eine Revision der katholischen Sexualmoral anstreben. Schnell ist da auch mal von „Neubewertung“ der Homosexualität die Rede. Das katholische Denken misstraue der Liebe, so Goertz. Dabei entwickelt der Moraltheologe dann einen Liebesbegriff, der unterm Strich mit Liebe nicht viel zu tun hat. Am Ende läuft es bei Goertz wie bei den vielen Kritikern der Theologie des Leibes auf eine bedingungslose unverbindliche und unverbindende Lustbefriedigung hinaus, bei der jegliche Form sexueller Betätigung nur ein weiterer Aspekt der Bereicherung darstellt.

Letztendlich geht diese Kritik völlig ins Leere, da sich für die deutsche Moraltheologie weltkirchlich kaum jemand interessiert. Anders dagegen die Theologie des Leibes, die wider Erwarten(!) zu einem echten Erfolgsmodell geworden ist. Man muss dabei zunächst einen Blick auf die Genese dieses Opus magnum der Lehre von Johannes Paul II. werfen. Der polnische Kardinal Karol Wojtyła reiste 1978 zum sehr plötzlich nach dem schnellen Tod von Papst Johannes Paul I. nach Rom. Im Koffer hatte er ein fast druckfertiges Manuskript, das er noch überarbeiten und nach dem Konklave in Rom veröffentlichen wollte. Der Kardinal verließ bekanntlich das Konklave als Papst und das geplante Buch ist nie erschienen. Fünf Jahre lang mutete der charismatische Papst es seinen Zuhörern auf dem Petersplatz bei den Mittwochaudienzen zu, eine italienische Übersetzung des Manuskripts anzuhören. Weltweit sorgte die Theologie des Leibes für großes Aufsehen und wurde breit rezipiert. Inzwischen ist bekannt, dass der authentische Text nicht der italienische, sondern das in Polnisch verfasste Manuskript ist. In den USA wurde wöchentlich in katholischen Medien über die Mittwochskatechese berichtet. Die Theologie des Leibes wurde in die katholische Ehevorbereitung aufgenommen.

Keine Frage, wer auf die Seite des Vatikans schaut und dort versucht diese Mittwochskatechese zu lesen, braucht Nerven wie Stahlseile, denn der Text ist trocken, spröde und zuweilen nur sehr schwer verständlich. Der Papst mutete seinen Zuhörern durchaus schwere moralphilosophische Kost zu. Zudem ist die Übersetzung nicht gut. Es gibt inzwischen reichlich Literatur, die das komplexe Werk auch für Laien verständlich herunterbricht. „Die Theologie des Leibes ist nicht nur eine Theorie, sondern enthält eine ganz bestimmte, dem Evangelium gemäße christliche Pädagogik des Leibes.“ Das sagte der Papst selbst in seiner Katechese 122. Grund genug, dem auch wissenschaftlich auf dem Grund zu gehen. In Heiligenkreuz gibt es einen Studiengang zur Theologie des Leibes. Wer die Suchmaschine bemüht, findet inzwischen eine Fülle von Literatur zur Theologie des Leibes. Kulturelle Events, wie das Musical „Cor ad cor loquitur“, das am 13 Juni 2025 um 19:30 in Heiligenkreuz aufgeführt wird, runden die Rezeption dieser grundlegenden Theologie ebenso ab, wie Vorträge, Seminare und Workshops auf zahlreichen katholischen Veranstaltungen. Besonders die katholische Jugend in den geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften nimmt die Theologie des Leibes mit Begeisterung auf.

Ja, in der Tat, in der deutschen katholischen Kirche ist die Theologie des Leibes gescheitert. Das ist ein trauriges Alleinstellungsmerkmal. Auch in der deutschen Medienlandschaft, selbst in den von kirchlichen Stellen betriebenen Medien scheitert die Theologie des Leibes und man übt sich in Wokeismus und Cancel culture. Statt über eine Debatte in der Herder Korrespondenz zu berichten und beide Autoren zu gleichen Teilen zu Wort kommen zu lassen, verschweigt man Brantl und räumt Goertz breiten Raum ein. Nun muss man gestehen, dass Brantl sehr viel komplexer schreibt. Die Verteidigung ist wahrlich nicht so glatt und eingängig wie der Verriss. „Das Gedankengebäude der „Theologie des Leibes“ ist höchst komplex“, so Brantl schon zu Beginn des Textes. Zu Recht verweist er auf die reiche Quellenlage des Werkes und die vorausgehenden Texte des polnischen Kardinals und Theologen, hier insbesondere „Person und Tat“ sowie „Liebe und Verantwortung“. Die Morallehre des Heiligen Papstes umfasse zudem „zahlreiche Schreiben und Ansprachen – namentlich die Enzykliken ‚Familiaris consortio‘ (1981) und ‚Veritatis splendor‘ (1993)“, betont Brantl. Der Theologe verschweigt nicht die teilweise oszillierenden Begriffe, die das Verständnis erschweren und der schlechten Übersetzung geschuldet sind. Zur Erklärung zitiert Brantl Stefan Endriß, der sich in zahlreichen Werken kenntnisreich zur Anthropologie Johannes Pauls II. und natürlich auch zur Theologie des Leibes geäußert hat. Der Aufsatz von Johannes Brantl ist nicht nur lohnend und kenntnisreich geschrieben, er nimmt die Kritik an der Theologie des Leibes auf und gibt mit namhaften Autoren Quellen an, wie dieser zu begegnen ist. Wen also mag es wundern, das dieser Artikel in der deutschen Medienlandschaft zu Gunsten eines unterkomplexen Bashings gegen die Theologie des Leibes verschwiegen wurde. Kaum nötig zu erwähnen, dass man damit auch dem kritischen Artikel von Goertz keinen Gefallen getan hat. Von einem Pro und Contra nur einen Teil zu melden und den andern zu ignorieren ist schlicht unredlich.

Dass sich die Herder Korrespondenz der Theologie des Leibes annimmt und damit einen in Deutschland scheinbar verlorenen Debattenraum für diesen so wesentlichen Ansatz in der Moraltheologie wieder öffnet, ist eine gute Sache. Es kann als sicher angesehen werden, dass mit einigem Abstand und der gebotenen Zeit des Nachdenkens weitere Artikel zu dem Thema zu erwarten sind. Zu sehr ist die katholische Moral – nicht zuletzt durch den Synodalen Weg – unter öffentlichen Beschuss geraten, als dass wir es uns leisten könnten, diesen Schatz der Theologie des Leibes nicht zu heben. Gerade in Deutschland, in der sich nun die nächste Bundesregierung anschickt, Ehe und Familie sowie deren Offenheit für Kinder noch weiter zu schwächen, brauchen wir starke Stimmen für eine gesunde Moral. Der Heilige Papst hat es zu seinen Lebzeiten geschafft, die Jugend zu sich zu rufen und sie für Christus zu sammeln. Es gelingt ihm auch als Heiligem nicht zuletzt mit seinem moraltheologischen und moralphilosophischen Vermächtnis, das für viele junge Katholiken Richtschnur ihres Lebens geworden ist. Von einem Scheitern der Theologie des Leibes kann nun wahrlich nicht die Rede sein. Dass sie in ihrer vollen Tiefe noch nicht erschlossen ist, das sei unumwunden zugestanden. Es gibt noch viel zu tun für den Studiengang in Heiligenkreuz.

 

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Bild oben: Kann denn Eros (lat. Amor) wirklich so harmlos sein, wenn er auf einem wilden Panther geritten kommt?  Darstellung: Ernst Rietschel: Amor auf dem wilden Panther reitend, 1850, in der Neuen Pinakothek in München. Foto: Rufus46/Wikimedia/ CC BY-SA 3.0


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